Ana Santak: Lovebites oder Die Jungenleiden der W., Beltz&Gelberg, 2002, ab 13

E-Mailroman einer modernen Aussteigerin (Goethes Werther als Vorlage)

"Was mich am meisten neckt, sind die fatalen bürgerlichen Verhältnisse." (Werther, 24.12.1771). Die 17-jährige E-Mail-Schreiberin, setzt sich aus diesem Grund von Deutschland nach England ab, um die große Freiheit zu erleben. Was sie zunächst findet ist Charly. Er ist ausgebildeter Kindergärtner, erzieht liebevoll seine kleinen Geschwister und ist bereits verlobt.

Dies ist der Ausgangspunkt für eine Werther-Handlung penibel nach der literarischen Vorlage strukturiert und so beginnen die "Jungenleiden der W." Plenzdorfs "Neue Leiden des jungen W." lassen ebenfalls deutlich grüßen. In vielen E-Mails an ihre Freundin Wilhelmine zückt W. die "Werther-Pistole" und schickt Werther-Originalzitate an die Adresse des Vaters. Weitere intertextuelle Bezüge finden sich durch viele Verweise auf Salingers Holden, Austens "Northhanger Abbey", einzelne Popsongs wie z.B. "Life´s a Bitch" von Shooter und "To Be Loved" von C. Stigers. So bekommt der Text neben dem flotten Jugendjargon eine zeitgemäße mediale Oberfläche. Allerdings erreicht auch die emotionale Befindlichkeit über die Zeitspanne eines ganzen Jahres und Charlys Charakterzeichnung nicht die überzeugende Spannkraft der Vorlagen.

W. hält ihre unerfüllte Sehnsucht nach dem verlobten Geliebten nicht aus, geht wieder auf Reisen durch England bis Edinburgh. Sie wird von einem Ersatzliebesverhältnis schwanger, treibt nach einigen Bedenken doch ab, kehrt wieder zu Charly zurück, der inzwischen schon verheiratet ist. Ihr Sinnlosigkeitsgefühl steigert sich und es kommt zum Abschiedsmail mit einem Schlusszitat von Pink Floyd: "Goodbye cruel world, I´m leaving you today." Die letzten zwei E-Mails jedoch berichten von ihrem plötzlichen Wandel, ihrer Rettung in letzter Sekunde durch einen besorgten flatmate. In einer fulminanten moralischen Läuterung wird den LeserInnen doch noch klar gemacht, warum nun ein neues Leben - nach spießigem Schulleben, nach richtungslosem Freiheitsdrang - beginnen kann. "Damals hab ich noch nicht gewusst, dass man ein Ziel haben muss, um irgendwann mal glücklich zu sein, denn es hat einfach keinen Sinn, nur so vor sich hinzuvegetieren." (S.133)

Es geht zeitgemäß um Lebensstile und Lebensziele, die literarischen Vorlagen werden allerdings etwas zu sehr beansprucht, sodass die Glaubwürdigkeit der Geschichte darunter leidet.

Erich Perschon

Zur Rezensionsliste