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Erich Perschon

Kinder- und Jugendliteratur als Lehrinhalt an Pädagogischen Akademien (Hauptschullehrer-Ausbildung)

Teil 1

Dieser zusammenfassenden Darstellung liegt eine grobe inhaltsanalytische Auswertung der fachwissenschaftlichen Lehrveranstaltungsinhalte im Erstfach Deutsch, Bereich "Kinder- und Jugendliteratur" (KJL) in der Hauptschullehrer-Ausbildung zu Grunde.

Erfasst wurden 11 von den 14 Pädagogische Akademien in Österreich. Die Daten sind vorwiegend den Lehrveranstaltungsbeschreibungen (aus dem ECTS = "European Credit Transfer System") entnommen, die auf den Web-Sites der meisten PädAks veröffentlicht sind; fallweise wurde auch direkt Kontakt aufgenommen. Da zur Zeit durch den neuen Studienplan 2000 an den Akademien einerseits alte und neue Ausbildungsgänge parallel laufen, andererseits durch die Entwicklungstendenzen zur Pädagogischen Hochschule Neukonzeptionen erstellt wurden bzw. werden, die noch nicht in den ECTS-Daten ihren Niederschlag gefunden haben, beruht diese Auswertung teils auf Informationen, die für die bisherige Ausbildung zwar relevant gewesen sind, aber nicht unbedingt in die Zukunft extrapoliert werden können.

Anmerkung: Der bis 1999 gültige Lehrplantext ist äußerst knapp und enthält nur grobe begriffliche Rahmenvorgaben, sodass die Lehrinhalte der verschiedenen Akademien auch aus diesem Grund sehr unterschiedliche Ausrichtungen aufweisen: Kinder- und Jugendliteratur: Leserkunde (Lesesituation, Leseinteresse, Lesemotivation, Rezeptionstechniken); Buchkunde (Gattungen, Formen und Beispiele der Kinder- und Jugendliteratur); Auswahl- und Beurteilungskriterien; Formen der Texterschließung; Kinder- und Jugendzeitschriften; Einführung in das Schülerbibliothekswesen. (Buchberger/Riedl (Hg.):Lehrerbildung heute. Kommentar zum Lehrplan der Päd. Ak./Teil 3. BMUKS, Wien 1989, S.93/94)

An den meisten PädAks sehen die Studiengänge 4 Semesterwochenstunden (SWS) fachwissenschaftliche Vorlesungen/Seminare zur KJL vor, an manchen 5 (wie z.B. PA-Baden eine 5. SWS für eine Übung `Kinder- und Jugendliteratur im Internet" oder PA-Linz "Didaktik und Methodik der Kinder- und Jugendliteratur"). Den allgemeinen hohen Stellenwert der KJL verdeutlicht ein Vergleich mit dem Bereich "Literatur", dem durchschnittlich 6 SWS zugeordnet sind.

Der inhaltsanalytische Befund der Lehrziel-Formulierungen zeigt kein einheitliches Bild:

Die Bandbreite reicht vom übergeordneten Rahmenziel für alle Lehrveranstaltungen mit vorwiegend unterrichtspraktischer Zielrichtung - "Befähigung zur kritischen Auswahl von Lektüreangeboten im Rahmen des Pflichtschulunterrichts" oder "Erkennen des Stellenwertes von KJL in Theorie und Praxis; KJL als Ausgangspunkt zur Erschließung von Umwelt- und Lebenserfahrungen" - über die didaktisch-methodische Ausrichtung einzelner Lehrveranstaltungen wie "handlungs- und produktorientierte Arbeit mit Kinder- und Jugendliteratur" oder "Freiarbeit mit KJL" bis zu ausschließlich literaturwissenschaftlichen Aspekten in der Lehrzielbeschreibung: "Überblick über die Geschichte der Kinder- und Jugendliteratur und Entwicklungslinien von ihren Anfängen im Mittelalter bis zur Gegenwart" oder "Überblick über Gattungen, Stoffe und Formen der Kinder- und Jugendliteratur im historischen Kontext und vor dem Hintergrund eines sich verändernden Bildes von Kindheit und Jugend" oder "Überblick über Standardwerke der Fachliteratur und fachwissenschaftliche Tendenzen".

In vielen Lehrzielangaben spielt aber die konkrete Auseinandersetzung mit Primärtexten unterschiedlichster Genres, Darstellungsformen und Themenbereiche eine große Rolle. Beispiele:

"Identitätsfindung und Sozialisation als Themen der zeitgenössischen KJL", "Traditionelle und neuere Formen nicht realistischer KJL", "Literatur für Jugendliche (Brückenliteratur)", "Adoleszenzroman", "Phantastische Abenteuer (Harry Potter u.a.)", "preisgekrönte Bücher der letzten Saisonen, Neuauflagen von Klassikern", "Sachbuch und Kinderlyrik".

Aus den Angaben zu den Lehrinhalten (wobei nicht immer deutlich zwischen Zielen und Inhalten zu unterscheiden war) lassen sich im Rahmen der angebotenen Vorlesungen folgende Schlussfolgerungen ziehen:

Sie werden durchwegs in den ersten drei Semestern angeboten, vermitteln Grundlagenwissen und Überblick und sind entweder ausschließlich einem literaturhistorischen bzw. Entwicklungsaspekt von Gattungen, Stoffen, Formen, AutorInnen gewidmet, wobei oft das 20. Jhdt. bzw die moderne/aktuelle KJL betont und fallweise ein Österreichschwerpunkt gesetzt wird.

Beispiele: "Was ist KJL?", "Kinderliterarische Kommunikation (Produktion, Distribution, Medien)" oder "Einteilung, Auswahl- und Beurteilungskriterien kinder- und jugendliterarischer Texte";

"Überblicksmäßige Darstellung der Entwicklung der KJL", "Moralisierende, romantische, bürgerliche, realistische, sozialkritische und phantastische KJL", "KJL bis etwa 1970 - KJL seit 1970 (Paradigmenwechsel)", "Charakterisierung des österreichischen Beitrags", "zeitgenössische AutorInnen (Schwerpunkt Österreich)".

Daneben wird in den Vorlesungen auch in das institutionelle und fachpublizistische Umfeld eingeführt: "Vorstellen von einschlägigen Institutionen der wissenschaftlichen und praktischen Jugendbucharbeit" oder "Jugendliterarische Institutionen und Verlage", "Einführung in die Fachdokumentation". Aber auch unterrichtspraktische Schwerpunkte zeigen sich hier, wenn (PA-Tirol) durchgehend für alle Lehrveranstaltungen die "Arbeit mit den Materialien des Österreichischen Buchklubs (JUM, Gorilla)" angeboten wird.

Nur vereinzelt (PA-Baden) kommen auch Hinweise auf die Befassung mit "Kinder- und Jugendliteratur in den Neuen Medien (CD-ROM, Internet)" vor. Dieser Bereich wird sicherlich in den Neukonzeptionen der Lehrangebote in Zukunft stärker vertreten sein.

Im Folgenden möchte ich auf die Hauptinhalte des Seminar-Angebots eingehen. Die Auswahl der KJL-Texte für die seminaristische Auseinandersetzung ist in erster Linie von inhaltlichen und gattungsspezifischen Aspekten bestimmt.

Texte werden einerseits aus konkreten problemorientierten Themenbereichen entnommen, wie Umwelt, Ökologie, Arbeitswelt, Arbeit und Arbeitslosikeit, Gewalt, Sexualität, interkultureller Aspekt, andere Gesellschaften und Kulturen, Sekten, Tod, Randgruppen, Beziehungen, Dritte Welt, Nationalsozialismus und 2. Weltkrieg und Rechtsextremismus. Andererseits kennzeichnen auch allgemeinere Formulierungen, entweder deutlich adressatenbezogen oder didaktisch orientiert, die Textauswahlkriterien, z.B. "Texte, die Tabuthemen behandeln" oder "Texte zur Erschließung der Umwelt und zum kreativen Umgang mit Sprache".

Die Beschäftigung mit KJL ist aber auch zu einem Gutteil an traditionellen Gattungs- und Genrebegriffen orientiert: Dabei werden in den Lehrinhaltsbeschreibungen explizit Märchen, Sage, Fabel, Abenteuerliteratur, realistische und phantastische KJL, Klassiker der KJL, Mädchenliteratur, Sachbücher, Comics, Kinderlyrik, Serienliteratur, Kinderkrimi, moderne Mädchenbücher mehrfach genannt.

Anmerkung: Auch innerhalb der fachwissenschaftlichen Lehrveranstaltungen "Textkunde und Texterschließung" spielen an einzelnen PädAks vor allem traditionelle kinderliterarische Formen wie Märchen, Sagen, Fabeln oder auch Kindertheater-Texte eine Rolle.

Nicht alle Textauswahlkriterien sind didaktisch-funktional. Literaturwiss. Aspekte und auch literaturästhetische Ansätze zeigen sich in Formulierungen wie z.B. "Kontroversiell diskutierte Bücher" oder noch deutlicher in "Texte, die inhaltlich oder literarästhetisch innovatorische Tendenzen aufweisen", "Erarbeiten eines Literaturmodells: elitäre Literatur - Trivialliteratur" "Realismus in der KJL", "KJL zwischen poetischen und pädagogischen Ansprüchen - zwischen Literaturanspruch und Leserbezug - zwischen Ästhetik und Didaktik" oder "Analyse der KJL in Bezug auf ihre gesellschaftlichen Voraussetzungen". Hier wird das Interesse an einer literaturwissenschaftlichen Problematisierung verschiedener KJL-Formen und an literaturtheoretischen Fragestellungen deutlich zum Ausdruck gebracht.

Die einzelnen fachwissenschaftlichen Seminare setzen aber durchaus verschiedene Akzente im Spannungsfeld zwischen literaturwissenschaftlichen und unterrichtspraktischen Aspekten, wobei noch zu berücksichtigen ist, dass in der allgemeinen Fachdidaktik (9-12 SWS) die methodisch-didaktische Auseinandersetzung mit KJL ebenfalls, allerdings sehr unterschiedlich integriert ist (wenige Einzelstunden/einzelne Referate bis zu großangelegten KJL-Projekten in Zusammenarbeit mit den Übungsschulen).

Die Angaben zu den Lehr- und Lernmethoden und zu den Beurteilungserfordernissen und die teils starke Handlungs- bzw. Produktionsorientierung in den Seminaren zeigen, dass eine breite Palette von theoretischen und praxisorientierten Auseinandersetzungsmöglichkeiten mit KJL angeboten wird: Referate, Fachdiskussionen, Fachzeitschriften- und Literaturstudium, Auseinandersetzung mit Fachliteratur, Seminararbeiten, Projekt-/Fachdokumentationen, Materialienmappen, Unterrichtsmodelle, Lernkarteien, Projektmaterialien, Rezensionen, Buch-Präsentationen, Literatur-/Leselisten u.a.

Die hier überblickshafte Auswertung ist natürlich durch die Auswahl und durch die Kommentare als Interpretationsprodukt zu verstehen und kann nicht authentisch die Intentionen und vor allem nicht die Praxis der mit KJL Beauftragten widerspiegeln. Insgesamt zeigt aber diese Darstellung auch ein gewisses literaturwissenschaftliches Selbstverständnis der fachwissenschaftlichen Lehrveranstaltungen im Bereich der KJL und natürlich den Praxis orientierten Lehr- und Ausbildungauftrag der Pädagischen Akademien.

(Der 2. Teil befasst sich mit dem Stellenwert der "Kinder- und Jugendliteratur" in den Themenstellungen von Hausarbeiten bzw. Diplomarbeiten und in den Vertiefungsgebieten zur mündlichen Lehramtsprüfung.)

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