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Erich Perschon

Glückliche Heimkehr garantiert

Das Reisemotiv in ausgewählten Kindergeschichten und Bilderbüchern

Die literarischen Formen und Genres in der KJL auf dem Gebiet der "Reiseliteratur" sind zahlreich. Expeditionsberichte, Entdeckungsfahrten, Reiseberichte u.ä. können naturgemäß nicht auf eine geografisch real fixierbare mehr oder weniger umfangreiche Fortbewegung von einem Ausgangsort zu einem Zielpunkt verzichten. Abenteuerbücher aller Genres (Ritterroman, Seefahrergeschichten, Schelmenroman, Sciencefiction u.a.) kommen genauso wenig ohne Reisebewegung aus, wie das Reisemotiv in vielen Märchen eine zentrale Rolle spielt. Ebenso bestimmt im Adoleszenzroman vielfach der Aufbruch/Ausbruch-Reise-Topos, dem traditionellen Entwicklungs-/Bildungsroman verpflichtet, die Handlungsstruktur. Die vorliegenden Ausführungen beschränken sich allerdings auf eine Gruppe der Kinderliteratur, die sich durch die äußere Form und zum Teil durch ihre Zielgruppenorientiertheit leicht aus dieser Fülle des Angebots heraushebt, und stellen Bilderbücher und einzelne Kindergeschichten in den Mittelpunkt, wobei traditionelle Märchenbücher sowie erzählende Sachbücher nicht erfasst werden.

Die Inszenierung der fiktionalen Reise und ihr Ergebnis im Text werden vor allem dahingehend interpretiert, welche Aussagen sich über den Sinn, den Wert des Reisens erschließen lassen.

Obwohl bei der Betrachtung von Bilderbüchern die erzählerische Komponente der Bilder und die Ausführung der Illustrationen nicht vernachlässigt werden dürfen, sind sie für die folgenden Ausführungen weitgehend ausgeklammert, da der Gehalt der verbal erzählten Geschichte, die Reise-Ideologie, mit ihren inhaltlichen Elementen "Reisemotiv", "Reisebewegung", "Statusveränderung" (Anfang-Ende-Vergleich), "Heimkehr", "Erkenntnisgewinn" in einem Überblick in den Vordergrund gerückt werden sollte.

Für eine grobe Einteilung wurden zunächst Geschichten, in denen eine reale Reise (geografisch markierte Ortsveränderung) in einem phantastischen Kontext (Tiergeschichte, Funny- bzw. Fantasie-Figuren, realistische Figuren in phantastischer Umgebung) gestaltet wird, und Traumgeschichten (irreale, nicht an geografisch fixierbare Ortsveränderung gebundene Reisebewegung) in einem realen Kontext (menschliche Figur) unterschieden.

 

Die "weite Welt" lockt

In der Fischgeschichte mit dem Titel "Tschibi" (1979) motiviert Gerda Marie Scheidl die Reise, die Erkundungsfahrt durch das Meer durch das Unzufriedenheitsmotiv und lässt ihre Hauptfigur Erfahrungen sammeln, die vor allem Einsicht in erweiterte Lebensmöglichkeiten bringen.

Tschibi lebt sehr zufrieden in einem kleinen Teich und wird von Herrn Yamada, seinem Freund, betreut. Yamada erzählt vom weiten Meer und weckt so Unzufriedenheit in Tschibi, der schließlich ans Meer gebracht wird und den ersten Rausch der grenzenlosen Freiheit genießt. Doch die Gefahren im Meer und die Gefangenschaft im Kochkessel eines Häuptlings lassen die Sehnsucht nach dem Zuhause immer mehr wachsen. Er kehrt mit der Einsicht zurück: "Ich bin gern wieder daheim. Aber im Meer gefällt es mir auch!" Er zieht sich also nicht verschreckt auf das gemütliche Zuhause zurück, sondern behält sich auch die Option wieder ins Meer gehen zu können offen, sein Freund hält für ihn immer eine Wasserschale als Transportgefäß bereit. Tschibi schrecken die gefährlichen Abenteuer nicht von einer weiteren zukünftigen Horizonterweiterung ab. Er steht nach seiner Reise mutiger und welterfahrener auf einer anderen Stufe des Glücks und der Zufriedenheit.

[Abb. aus "Puckerl und Muckerl, die faulen Zwerglein"]

Ebenfalls Unzufriedenheit als Ausgangsmotivation, allerdings als Faulheit gebrandmarkt, aber andere Reiseerfahrungen und eine deutlich belehrende Absicht vermittelt die Besserungsgeschichte "Puckerl und Muckerl, die faulen Zwerglein" (1951) von Hilde Forster, ein österreichischer Kinderbuchklassiker und ein in der Nachkriegszeit als Klassenlesestoff für die Volksschule offiziell zugelassene und noch heute verlegte Kindergeschichte über eine Reise "in die weite Welt hinaus". Denn "da müssen wir niemals mehr arbeiten" (Forster, 1972, S. 11), meinen Puckerl und Muckerl und drücken sich damit endgültig von der vielfältigen Zwergenarbeit. Doch den Ausreißern, die sich die Sonne auf die Bäuche scheinen lassen, ergeht es durchwegs schlecht in der "weiten Welt": Sie schrecken sich vor Eulen und riesigen Hirschkäfern, machen sich über die fleißigen Ameisen und Bienen lustig, werden von den Tieren als Nichtsnutze verfolgt und verspottet, helfen aber auch dem verletzten Heupferdchen. Diese gute Tat wird ihnen schließlich auch vor dem Tribunal der Waldtiere angerechnet und sie dürfen nach Hause zurückkehren. Sie kehren geläutert heim und werden wieder in die Zwergengemeinschaft aufgenommen:

Puckerl und Muckerl, die faulen Kleinen, sind klüger geworden, will uns scheinen! Bald gehn sie zur Arbeit mit frohem Mut, wir haben sie lieb und alles ist gut! (Forster, 1973, s. 64)

Den kindlichen LeserInnen wird eine ebenfalls arbeitsame, aber für Ausreißer angsteinflößende Welt außerhalb der Familie vorgeführt. In die Wiedersehensfreude mischt sich der Beigeschmack einer bloß bedingten Annahme durch die Gemeinschaft, denn nun sind sie klüger geworden und an die Werte der Gesellschaft angepasst.

Einen deutlichen emanzipatorischen Aspekt des freiwilligen Reisemotivs findet sich bei Evelin Hasler in dem Kinderbuch "Das Schweinchen Bobo" (1986). Diese Geschichte ist nicht in erster Linie eine Reisegeschichte. Die Reise in die Welt hinaus wird nicht weiter ausgestaltet, spielt aber für die Entwicklung des Protagonisten eine große Rolle. Zwei Schweine, Bobo und Baba, sind Nachbarn, können vieles miteinander unternehmen und verstehen sich sehr gut. Als aber Bobo dem Schweinemädchen in dieser idyllischen Gemeinsamkeit einen Heiratsantrag macht, antwortet Baba überraschend:

"Bobo, du weißt, ich mag dich. Es stimmt, ich esse gerne mit dir Schokoladenpudding. Ich spreche und lache gern mit dir. Ich will nicht übertreiben, aber ich bade fürs Leben gern in der Pfütze vor deinem Haus. Trotzdem, Bobo: Ich kann dich nicht heiraten. Ich will in die weite Welt hinaus!" - "Du willst fort?" fragte Bobo erschrocken. Das Schweinemädchen nickte. [...] "Ich kann nicht anders, Bobo. Es zieht mich hinaus, die Welt zu sehen." "Wirst du wiederkommen?" fragte Bobo und seufzte unglücklich. Das Schweinemädchen schaute zum Fenster hinaus. Dann sagte es: "Kann sein, dass ich wiederkomme, kann sein, dass ich nicht wiederkomme. Wer weiß, vielleicht gefällt es mir anderswo besser als hier. So eine Reise ist lang und voller Gefahren." (Hasler, 1986, S. 19ff)

Bobo begleitet Baba bis zum Hügel, von dem aus man das wunderschöne Land überblicken kann und versteht, dass Baba neugierig ist, die Welt zu sehen. Er nimmt allerdings die Aufforderung mitzukommen nicht an, und sagt traurig:

"Was will ich in der weiten Welt? Hier habe ich mein Haus und meine Pfütze... Sei mir nicht böse, Baba. Aber ich bleibe lieber hier." (Hasler, 1986, S.28)

Bobo muss noch eine turbulente Zeit alleine überstehen, bis er schließlich die heimkehrende Baba in die Arme schließen kann.

Die Reisemotivation ist hier vordergründig natürlich Neugier auf die weite Welt, auf die Welt der Menschen. Das Reisemotiv wird aber auch emanzipatorisch eingesetzt, die weibliche Figur weist eine zu frühe Bindung zurück und gibt keinerlei Versprechungen für eine zukünftige Beziehung ab. Der männliche Protagonist ist der Beharrliche, an Haus und Hof Gebundene, Baba hingegen verkauft ihr Haus, um ungebunden zu sein.

Ebenso neugierig auf die "weite Welt" ist "Nurmi, der Bär" (1995) in der Tiergeschichte von Slupetzky Stefan, in der das beliebte Kinderbuchmotiv der "Wanderschaft des Bären" bevor er für den Winterschlaf Ruhe sucht auch mit ironischen Anspielungen auf den überängstlichen Jagdinstinkt der menschlichen Jägerschaft gestaltet wird. Nurmi erlebt Abenteuer, unternimmt Streiche und ist für die junge Leserschaft eine ideale Identifikationsfigur, da er im Lauf seiner Reise wesentliche Dimensionen der kindlichen Erlebniswelt (im Superlativ) verkörpert: Er ist je nach Abschnitt seiner Wanderung der "neugierigste", "frechste", "traurigste", "allermutigste", "klügste", "hungrigste" und zuletzt "verliebteste" Bär, den es gibt.

[Abb. aus "Oh, wie schön ist Panama"]

"Trautes Heim, Glück allein!"

Die Sehnsucht nach der Ferne steht in der folgenden Bilderbuchgeschichte zwar zunächst im Vordergrund, das "traute Heim" im besitzbürgerlichen Sinn spielt aber für die Protagonisten eine überaus große Rolle. In "Oh, wie schön ist Panama!" (1978) von Janosch wohnen ein kleiner Bär und ein kleiner Tiger glücklich und zufrieden in einem kleinen Haus am Fluss. In diese Alltagsidylle und optimale Zufriedenheit - "Wir haben alles, was das Herz begehrt" - dringt exotischer Geruch nach Bananen und ein fremdes Wort - "Panama" - durch eine vorbei schwimmende Kiste. Der Geruch und das Wort lösen bei dem kleinen Bären eine wahre Reisebegeisterung aus. Er überzeugt den kleinen Tiger, gibt sich selbst eine Richtung vor, indem er einen Wegweiser aufstellt, obwohl er nicht weiß, wo "das Land seiner Träume" liegt. Seine Reisemotivation tritt zu Tage: Man hat es zwar schon schön, aber woanders könnte es viel schöner sein als hier. Man könnte etwas versäumen. (Vgl. auch Pech, 1995, S. 564) Für den kleinen Bären ist der Grund, warum es schöner sein sollte, klar: "Denn Panama riecht von oben bis unten nach Bananen." Der ganze Vorgang zeigt eine deutliche Parallele zur Werbung als Auslöser von künstlichen Bedürfnissen bzw. Sehnsucht und Unzufriedenheit in unserer Überflussgesellschaft.

Bär und Tiger machen sich auf den Weg, haben aber ein wesentliches Element ihrer biedermeierlichen häuslichen Zufriedenheit immer mit dabei: den roten Topf ("Damit du mir jeden Tag etwas Gutes kochen kannst, Bär.") Sie brechen am frühen Morgen auf, übernachten in einer selbstgebauten Regenhütte, essen erstaunlicherweise am ersten Tag gar nichts, bekommen erst am zweiten Tag "bald" Hunger und werden von Hase und Igel gastfreundlich aufgenommen. Hier gewinnen sie die wichtigste Erkenntnis ihrer Reise: dass man ein Sofa braucht, "um wirklich alles zu haben, was das Herz begehrt." Eine Krähe zeigt ihnen am nächsten Tag von einem hohen Baum aus ihr Traumland und sie identifizieren ihre heimatliche Landschaft beeindruckt durch den Perspektivenwechsel als "Panama". (Es wird keinerlei Hinweis auf Bananengeruch gegeben. Anscheinend hat sich die ursprüngliche Sehnsucht nach Bananen verflüchtigt, sie wollen sich nur wieder niederlassen und ein "kleines, gemütliches Haus mit Schornstein" bauen.) Sie gelangen schließlich wieder an den Ausgangspunkt ihrer Reise und erkennen, obwohl nur ein paar Tage vergangen sind, ihr - erstaunlicherweise - verfallenes und verwittertes Häuschen nicht mehr. Sie richten sich aber wieder genauso wie früher ein, "nur war es jetzt noch schöner; denn sie kauften sich ein Sofa aus Plüsch und ganz weich."

Diese Reisegeschichte vermittelt sehr kindgemäße, allerdings auch ambivalente Botschaften, z.B.: Ist man satt und zufrieden und hat kein Ziel vor Augen, so schafft man sich eines (Traumland) und manipuliert die Wirklichkeit (Wegweiser) so, dass man diesem Traum "nachgehen" kann; es ist schön einen Freund zu haben und gemeinsam eine Reise zu bewältigen; andere haben es noch schöner; ein Perspektivenwechsel lässt auch das Alte großartig erscheinen; glaub nicht jedem, den du um die Richtung fragst; sei nicht so verbohrt auf dein Traumziel ausgerichtet, du versäumst dadurch vielleicht noch größere Überraschungen (Flaschenpost).

Kleiner Bär und kleiner Tiger bleiben auch nach diesen Reiseerfahrungen kleinbürgerliche Gemütlichkeitsfanatiker, ohne wirklichen Sinn für das ursprünglich Exotische, Fremde (Panama).

[Abb. aus "Komm, wir finden einen Schatz"]

Verlorener Schatz - gewonnene Zufriedenheit

Diese oben skizzierte Haltung, allerdings nicht so einseitig an materiellen Werten ("Sofa") orientiert, bestätigt sich auch in "Komm, wir finden einen Schatz. Die Geschichte, wie der kleine Bär und der kleine Tiger das Glück der Erde suchen" (1979), einem weiteren Bilderbuch von Janosch. Der Untertitel der Geschichte mit seinem philosophischen Anklang legt die Verallgemeinerung nahe, dass es sich um das Lebensglück schlechthin handelt. Betrachtet man dann das Ende der Erzählung, die Heimkehr, nachdem den beiden Schatzsuchern und Weitgereisten noch die letzten verbliebenen goldenen Äpfel gestohlen worden sind und sie keine Angst mehr vor Räubern oder Steuereintreibern haben müssen, so trösten sich die beiden mit ihrer ungebrochenen Freundschaft und gegenseitigen Hilfsbereitschaft und wieder mit einem Loblied auf die Gemütlichkeit des Eigenheims mit Garten.

"Als sie nach Hause kamen, schlief dort der glückliche Maulwurf auf dem Sofa. Er hatte sich gestern vor dem Regen untergestellt. "Bleib doch da, du", sagte der kleine Tiger. "Der Bär kann ja so gut kochen, dass wir vor Freude immer weinen müssen, ist echt wahr." [...] "Horcht doch mal!" sagte der glückliche Maulwurf. "Der Zaunkönig singt. Schön, was?" Und sie lauschten dem Gesang, die Sonne flimmerte über der Wiese. Die Bienen summten, und der Blumenkohl hatte so gut geschmeckt. Hmmm ... Oh, was war das für ein Glück. Echt wahr." (Janosch, 1979)

Die Erfahrungen der mühsamen Weltreise hinterlassen bei ihnen keine Erkenntnis, die den Alltag verändert oder ihre weitere Entwicklung beeinflusst. Sie haben es schon immer gewusst, in der gewohnten häuslichen Umgebung findet man eben die ultimative Zufriedenheit und vor allem die optimale kulinarische Versorgung. Heimkehr kann hier auch als Wiederaufnahme des Gewohnten, Weiterfahren in alten Geleisen interpretiert werden.

Mehr am Abenteuergenre orientiert lockt ein zufällig gefundener Schatzplan Manuel, den Mäuserich und Didi, die Feldmaus, in dem Bilderbuch "Der Bärenschatz" (E. Moser, 1986) über das Meer. Sie überstehen mit einem Pfeifendampfboot einen gefährlichen Seesturm, landen zunächst auf der Vulkaninsel, besänftigen dort den wütenden Vulkanriesen mit ihrer Riesenpfeife und brechen dann mit den Rüsselmännchen zur eigentlichen Bärenschatzinsel auf um dort allerdings nur wunderbare Blumenbäume anzutreffen und keinen Schatz. Schließlich erkennen sie aber:

"Es gibt auch hier keine vergrabene Goldkiste. Die Insel selber ist der Schatz! Das hat der Graubär gemeint! Die Bäume, die herrlichen Blumen und die Stille - die ganze Insel ist schöner und kostbarer als alle Schätze auf der Welt!" (Moser, 1986)

Nach vielen Wochen bekommen sie aber Sehnsucht nach ihrem Baumhaus und kehren mit einem sehr vergänglichen "Schatz", mit einem Boot voller Blumen, heim. Sie haben aber die Erfahrung gemacht, dass sie außerhalb ihres Lebenshorizonts etwas Wunderbares gesehen haben, etwas Wertvolles, von dem sie einen Anteil mitnehmen konnten. Sie haben Heimweh, schwelgen aber nicht in einer übersteigerten Haus-und-Herd-Sehnsucht wie Janoschs Protagonisten. Ihre nicht weiter ausgeführte Zufriedenheit wird sicherlich von dem Bewusstsein getragen, dass sie in der Fremde auch gute Taten vollbracht haben.

[Abb. aus "Hatschi Bratschi Luftballon"]

Existenzielle Aspekte unfreiwilliger Reisen

Eine Gruppe von Reisegeschichten ergibt sich, wenn der Reisebegriff auch auf unfreiwillige, erzwungene bzw. notwendig gewordene "Fort-Bewegungen" bezogen wird.

Im Bilderbuchklassiker "Hatschi Bratschis Luftballon" (1960) von Franz Karl Ginzkey wird der Protagonist zu einer Weltreise im Zauberluftballon gezwungen. Allerdings nicht zufällig oder aufgrund unvorhergesehener Naturgewalten, sondern durch Missachtung eines mütterlichen Verbots:

Wie sprach die Mutter? Liebes Kind, / Sei brav, wie andre Kinder sind, / Und bleibe schön bei mir zu Haus. / Er aber lief zur Tür hinaus. / Er achtet nicht der Mutter Wort, / Läuft auf die grüne Wiese fort. (Ginzkey, 1960)

Der kleine Fritz wird nun von Hatschi Bratschi mit dem Luftballon entführt, doch schon bald fällt der Zauberer über Bord in einen tiefen Brunnen und Fritz muss im Ballon bleiben. Er begegnet dem Klapperstorch, einer Hexe, die er glücklich abwehrt, wobei sie am Fabriksschlot Feuer fängt und "jämmerlich" verbrennt. Über die Alpen, nach Italien und über das Meer erreicht er das Morgenland und befreit dort die von Hatschi Bratschi gefangenen Kinder. Zuhause wird er vom Vater tadelnd, von der Mutter gütig in Empfang genommen und er darf von seinen Erlebnissen erzählen. Diese Reise kann natürlich auch symbolisch interpretiert werden, denn durch sie werden schließlich eine Reihe von archetypischen Ängsten und Bedürfnissen überwunden: Entführung durch Fremde, Bedrohung durch das personifizierte Unheimliche, die Hexe, Alleinsein im Unwetter und Bedrängnis, Heldentat und glückliche Heimkehr mit warmherziger Aufnahme in der Familie.

Zwei Geschichten vom "Kleinen Eisbären" von Hans de Beer zeigen besonders kindgemäße Motive der vorübergehenden Trennung von den Eltern, des Findens von guten Freunden und Helfern und besonders das Motiv der glücklichen Heimkehr in die elterliche Geborgenheit. Allerdings gestalten diese Geschichten auch eine deutliche Komponente der Initiation und beginnenden Ablösung von den Eltern.

[Abb. aus "Kleiner Eisbär, wohin fährst du?"]

In "Kleiner Eisbär, wohin fährst du?" (1987) endet ein "besonderer Tag" im Leben des kleinen Eisbären - er darf "zum ersten Mal aufs große Eis hinaus, bis zum Meer" - mit einer unfreiwilligen Reise auf einer Eisscholle bis nach Afrika. Die erste Begegnung dort wird zur Freundschaft mit dem Nilpferd, das als Betreuer die Rückreise des Eisbären auf dem Rücken des Wals organisiert. Die Trennung von den in der Fremde gewonnenen Freunden ist schmerzlich, doch zu Hause angekommen, kann nun der Sohn dem Vater "von Dingen [erzählen], die der Vater noch nie gesehen hatte." Die Heimkehr zeigt deutlich, die neue Kompetenz, eine beginnende Eigenständigkeit aufgrund von eigenen Erfahrungen und Vorstellungen, die nicht über die Erfahrungswelt der Eltern vermittelt wurden.

Die zweite Geschichte, "Kleiner Eisbär, komm bald wieder!" (1989), ist nach fast identischem Muster konzipiert, zeigt aber zuletzt den kleinen Eisbären auf einer neuen Entwicklungsstufe.

Der kleine Eisbär gerät in das Netz eines Fangschiffes und muss auf dem Schiff bis zum nächsten Hafen mitfahren. Nemo, die Schiffskatze, wird sein Freund und organisiert mit Hilfe seiner Katzenfreunde in der Hafenstadt die Rückfahrt mit einem Schiff, auf dem der kleine Eisbär von einer anderen Schiffskatze betreut wird. Zurück am Nordpol muss sich der kleine Eisbär wieder von einem Freund trennen, kann aber den erleichterten Eltern wieder einiges erzählen, sodass sie staunen. Doch nicht nur "Welterfahrung" hat der kleine Eisbär gewonnen, er sitzt nun auch oft am Rand des Eises und blickt aufs Meer hinaus. Er hält Ausschau "nach einem Schiff und einem Freund" und zeigt damit die Tendenz zur Ausweitung der sozialen Beziehungen und die Sehnsucht nach der Peergroup.

 

Integration, Bewährung und sozialer Aufstieg

Welterfahrung bringt den HeimkehrerInnen auch soziale Anerkennung, damit verbunden oft Eignung für Führungsrollen, erweitert den intellektuellen Horizont (Erkenntnisgewinn), stärkt die Zufriedenheit mit sich selbst, hebt Vorurteile auf und relativiert stereotype Einstellungen.

In "Der kleine Troll und der große Zottel" (1981, Mira Lobe,) geht es um Inititation, Bewährung und Integration von Außenseitern. Das Reisemotiv ist hier sogar explizit ritualisiert in der sog. "Trolltour".

(Mit der Trolltour ist es so: Jeder junge Troll geht auf Wanderschaft. Dabei lernt er die Welt kennen. Er darf erst heimkehren, wenn er ein Geschenk mitbringt. Es muß aber etwas Besonderes sein. Es muss allen Freude machen. Sonst ist es kein richtiges Trolltour-Geschenk.) (Lobe, 1981, S.12)

Der kleine Troll aber wird schon als Kind strafweise auf diese Reise geschickt, weil er mit seiner besonderen Fähigkeit - er kann unheimlich stark blasen - einige Unordnung in die Trollgruppe bringt. Er muss diese Reise allein antreten und durchwandert die "Welt", repräsentiert durch das "Sandland", das "Felsland" und das "Obstland". Er trifft auf einen haarigen Riesen, den großen Zottel, der schon immer bei den Trollen die Funktion des Schreckgespensts, des "Schwarzen Mannes" gehabt hat. Sie werden natürlich Freunde, vor allem dadurch, dass der kleine Troll dem großen Zottel die Flöhe aus dem Fell bläst. Der kleine Zottel kehrt mit dem großen Zottel als Trolltour-Geschenk nach Hause zurück, demonstriert die Ungefährlichkeit und die Brauchbarkeit des großen Zottels als Kinderrutsche. Die Eltern sind stolz auf den Heimkehrer, das Vorurteil gegenüber dem großen Zottel ist abgebaut und seine Sonderbegabung ist nun auch anerkannt, weil er damit eine besondere Leistung für die Gemeinschaft erbracht hat.

Eine andere Reisemotivation, aber letztlich auch Integration und Neubeginn liegt bei "Swimmy" (L. Lionni, 1963) vor. Swimmy ist aufgrund seiner Farbe ein Außenseiter, er ist schwarz statt rot. Sein Schwarm wird von einem großen Fisch verschlungen. Er bleibt übrig und schwimmt allein "hinaus ins große, große Meer". Die Reise führt Swimmy die Wunder des Meeres vor Augen. Am Ende trifft er wieder auf einen Schwarm roter Fische. Er ist allerdings um eine Erfahrung reicher, die er auf seiner Reise durch das offene Meer gemacht hat: Als Einzelfisch hat er keine Feinde zu befürchten. Er, als "welterfahrener" Fisch, denkt sich eine Lösung aus: Die roten Fische bilden einen Schwarm in Form eines Fisches, Swimmy bildet darin das schwarze Auge. So schlagen sie als organisierte Gemeinschaft, als vorgetäuschter Riesenfisch, sogar die großen Fische in die Flucht und Swimmy ist vom Außenseiter durch seinen Einfallsreichtum und seine Welterfahrung zum Zentrum des neuen Schwarms geworden. Er ist sinnbildhaft heimgekehrt, in eine neue Gemeinschaft, in der er nun eine neue, höhere Stufe in der sozialen Rangordnung einnimmt.

Ein Querverweis auf den Schluss in "Winzig" (Moser, 1993) zeigt dort ein ähnliches Motiv allerdings mit anderem Vorzeichen. Die Elefanteneltern wünschen sich, dass das heimgekehrte, weitgereiste und welterfahrene Elefantenkind später einmal die Elefantenherde anführen sollte. Doch als es soweit ist, verabschiedet sich "Winzig" und zieht allein in die Welt, die er schon als kleines Kind mit Hilfe seiner damals gewonnenen Freunde auf der verzweifelten Suche nach seinen Eltern durchstreift hat. Er lehnt Integration und auch die Führungsrolle innerhalb seiner Gemeinschaft ab.

[Abb. aus "Der blaue Junge"]

Flucht und Suche

Die folgenden zwei Bilderbuchgeschichten gestalten Reisebewegungen als Flucht aus zerstörten Verhältnissen und Suche nach neuer Heimat bzw. Zukunftsperspektive. "Der blaue Junge" (1991) von Martin Auer ist eine Bildgeschichte, im Comicstil erzählt, und schildert auf einem fernen Planeten die Suche des blauen Jungen nach jemanden, "den ein Gewehr nicht erschießen kann." Der blaue Junge hat in einem Krieg alles verloren, was er lieb gehabt hat, deshalb fürchtet er sich vor Zuwendung, da er nie mehr diese schrecklichen Verlustgefühle erleben möchte. Er bewaffnet sich mit einem Gewehr eines gefallenen Soldaten, zieht über die verlassenen Schlachtfelder und baut sich einen "Riesenpanzerroboter" um in diesem Allmachtsgehaben seine Angst verbergen zu können. Eine alte Frau gibt ihm schließlich den Rat, den alten Mann auf dem Mond zu besuchen, von dem es heißt, dass ihn kein Gewehr erschießen kann. Die Raketenreise zum Mond bringt ihm den entscheidenden Perspektivenwechsel. Der alte Mann beobachtet durch ein Fernrohr die Bewohner des blauen Planeten und zeigt auch dem blauen Jungen, "warum die Leute da unten Kriege führen". Erst als der blaue Junge sein Gewehr in den Weltraum wirft, kann er auf dem Mond bleiben und studiert weiter die Leute, um ihnen vielleicht eines Tages zu erklären, "was sie falsch gemacht haben."

Hier steht das Reisemotiv einerseits im Dienst der Sehnsucht und Suche nach sicheren Beziehungen, andererseits auch als Möglichkeit zum entscheidenden Standortwechsel um neue existenzielle Einsichten gewinnen zu können.

[Abb. aus "Karlinchen"]

Bei Annegert Fuchshuber - "Karlinchen" (1995) - ist die Reisebewegung ein Vehikel für Gesellschaftskritik, eine Rundreise durch die Vorurteilslandschaft unserer heutigen Welt.

Die Flucht aus der zerstörten Heimat - "Feuer fiel vom Himmel" - bringt das hungernde Karlinchen mit allegorischen Figuren und Menschen aus sehr unterschiedlichen sozialen Schichten zusammen, die sich (stereo)typisch dem notleidenden, andersartigen Kind gegenüber verhalten. Die Stationen sind in eindruckvoller Farbgestaltung der jeweiligen sozialen Gruppe und ihrer Lebensweise angepasst und Karlinchen erreicht diese Länder immer erst, nachdem es einen "großen, dunklen Wald" durchquert hat.

Die erste Station führt Karlinchen in ein friedliches Dorf, doch der spießbürgerlichen Gemütlichkeit ist ein bettelndes Kind suspekt, die Polizei wird eingeschaltet. Karlinchen flüchtet in einen Wald und kommt in das Land der Steinbeißer, die zwar freundlich sind, aber nicht verstehen können, dass eine Handvoll Steine nicht jedem bekommt. Auch im Land der Seidenschwänze herrscht auf dem ersten Blick Gastfreundschaft, doch als Karlinchen keinen Seidenschwanz vorweisen kann, wird es aufgrund seiner Andersartigkeit des Landes verwiesen. Im Land der Nebelkrähen wiederholt sich das Ritual: Freundliche Einladung, Forderung der bedingungslosen Assimilierung, Ablehnung. Im Land der Schaffraffer zeigen Name und Abbildung sofort, dass hier kein Platz für Hungrige und Einsame ist. Daraufhin versucht es Karlinchen noch bei Ihresgleichen am Rand der Stadt, hinter den großen Fabriken und dem Müllberg, doch gerade hier begegnet das Kind der pragmatisch-selbstsüchtigen Devise: "Wenn ein Boot überfüllt ist, geht es unter." Die Odyssee gelangt erst vor dem Gerümpelbaumhaus des Narren an ein Ende, in dem Karlinchen ein nachahmenswertes Vorbild sieht, denn er ist "gut zu den andern." Der Reisende findet schließlich erst bei einem sozial und intellektuell isolierten Außenseiter, dem Narren, das lang gesuchte Mindestmaß an Menschenrechten: Sicherheit, Unterkunft, Verpflegung.

Katzenodyssee

Von Karl Friedrich Waechter liegt ein Bilderbuch vor, "Da bin ich" (1997), das das abenteuerlich-skurrile Schicksal einer jungen Katze erzählt, die gemeinsam mit ihren Geschwistern im Meer ertränkt werden sollte, weil sie zu viel geworden sind, sich aber als einzige vor dem Hai in ein Schiffswrack, ein Totenschiff, rettet, sich dort bewaffnet, den Hai erschießt und an den von Nudisten überbelegten Strand rettet. Die Katze sucht ein neues Zuhause, fährt mit der Bahn sicher vor den Hunden durch Deutschland, durchstreift eine Stadt und tritt auf dem letzten Bild, nachdem sie an einer Wohnungstür geläutet hat, den LeserInnen gegenüber und spricht sie begrüßend an: "Da bin ich".

Die LeserInnen verfolgen ein traurig-abenteuerliches Schicksal und sind zuletzt mit einer direkten Anrede, mit einem "Heimkehrer" konfrontiert. Waechter schildert eine Suche, die zuletzt zu einem Du führt, aber damit nicht zu Ende ist, da sich die RezipientInnen noch mit dieser Zuwendung auseinander setzen müssen, aber auch die Brücke zur gesellschaftspolitischen Aktualität sehr leicht schlagen können.

Ebenfalls eine Katze auf der Suche nach neuer Heimat bzw. Beziehung finden wir in der Geschichte "Ich, Kater Robinson" (1997) von H. Rowohlt. Ein junger Kater streift nach dem Ausbruch aus der Katzenpension in Hamburg frei herum, erlebt jedoch verschiedene Stationen der Tiermisshandlung und wird schließlich im Hafenviertel von einem Schriftsteller gerettet. Allerdings erst als der Kater in die schönen Augen einer Katzengefährtin blickt, ist er am Ende seiner Reise angelangt, und die Illustration zeigt zum erstenmal den bisher von Enttäuschungen gezeichneten Kater mit einem frohen Gesichtsausdruck.

Auch hier manifestiert sich der universelle Zielpunkt, die Heimat aller Flüchtenden und Suchenden, in der aufnahmebereiten liebevollen Beziehung zu einem Du; allerdings als idealtypischer Zustand, schwer übertragbar in unsere menschliche Realität.

Reise zum Ich

Die Verbindung Reise und Suche steht in manchen Texten im Dienst der Selbstfindung, der Identitätsbildung. Diese innere, fast zwanghafte Motivation in die "Welt" bzw. zu relevanten Repräsentanten der heimischen Umgebung zu reisen gestalten zwei Klassiker der Bilderbuchszene auf sehr ähnliche Weise, aber in unterschiedlichen Abstraktionsgraden.

[Abb. aus "Das kleine Ich bin ich"]

Mira Lobes Bilderbuch "Das kleine Ich bin Ich" (1972) zeigt eine zweitägige Selbstfindung, bei der ein identitätsloses Wesen verschiedene Tiere in der näheren und weiteren Umgebung aufsucht, sich mit ihrem Äußeren vergleicht und dabei immer nur vorgehalten bekommt, was es nicht ist. Es zieht als namenloses Tier fort und kommt zuletzt aus der Abgrenzung zu den anderen Lebewesen und aus der intensiven, nackten Existenzerfahrung heraus zu der plötzlichen Einsicht, dass es nicht auf Eigenschaften ankommt, sondern die Erfahrung des Daseins genügt um sich seiner Einmaligkeit bewusst zu werden und sein Sosein bzw. hier sein Nicht-so-Sein-wie-die-anderen zu akzeptieren. Der Reiseablauf hat dabei die Funktion der Konfrontation mit möglichst unterschiedlichen Mitwesen an unterschiedlichen Schauplätzen der "Welt". Die Stationen sind symbolhaft Land (Pferde auf der Wiese), "Plitscher-Plätscher-Wasser" (Fische) und Luft (Papageienflug). Die Reise ist eine Kreisbewegung zurück zum Ausgangspunkt, allerdings um eine existenzielle Schlüsselerfahrung reicher.

[Abb. aus "Pezzettino"]

Dasselbe Reisemotiv gestaltet Leo Lionni in "Pezzetinio" (1975) auf einer abstrakteren Stufe. Er lässt ein "Stückchen" auf die Ich-Suche gehen, das aus dem Bewusstsein der Kleinheit sich nur als ein verlorengegangener Teil von etwas anderem empfindet und auf den Stationen seiner Reise immer nur ganzheitlichen Wesen begegnet, die sich zusammengesetzt, aber komplett fühlen. Dabei trifft Pezzettino auf dem Land Wesen wie "Den, der rennt", "Den, der stark ist", im Ozean "Den, der schwimmt", auf dem Berg "Den, der auf die Berge klettert", in der Luft "Den, der fliegt" und unter der Erde "Den, der nachdenkt und in einer Höhle wohnt". Nachdem es alle wesentlichen Bereiche der Welt besucht hat, schickt dieses Höhlenwesen Pezzettino auf eine Seereise zur Insel Wham, auf der Pezzettino sein existenzielles Schlüsselerlebnis hat: Er stürzt und zerfällt in viele kleine Stückchen. Die Selbsterfahrung auch ein komplettes zusammengesetztes Wesen zu sein, "wie alle anderen auch" führt ihn zur befreienden Selbstannahme und zum freudigen Ausruf "Ich bin ich" bei seiner Ankunft zu Hause. Pezzettino macht seine Schlüsselerfahrung allein auf einer einsamen Insel. Die Reise befreit Pezzettino von dem Abhängigkeitsgefühl ein Teil von anderen sein zu müssen, eine Fixierung löst sich auf.

Im Unterschied zu Lobes "Ich bin ich" schafft Pezzettino seine Selbstannahme und "Daseinssicherheit" durch die Erkenntnis, im Wesentlichen wie die anderen zu sein und unabhängig existieren zu können. Bei Lobe gelingt die Identitätsfindung durch Abgrenzung und Annahme der Einmaligkeit und Besonderheit im "eigentümlichen" Sosein.

Das Motiv der Reise zu einer Insel, zum isolierten, einsamen Schauplatz, wo es zur Konfrontation mit sich selbst bzw. mit unbewältigten inneren Zuständen in einer verfremdeten Umgebung kommt, finden wir auch in ähnlicher Funktion bei Sendak ("Wo die wilden Kerle wohnen"), allerdings in einem anderen sozialen Kontext (s.u. Abschnitt Traumreisen).

[Abb. aus "Zoom"] ( Serie aus 3 Bildern)

 

Perspektivisches Reiseexperiment

Ein ganz aus der bisherigen Einteilung herausfallendes Buch ist "Zoom" (1995), ein Bilderbuch ohne Text, von Istvan Banyai. Es sei aber angeführt, da die oben erwähnte Miteinbeziehung der LeserInnen in die literarische Reise (s.o., "Da bin ich") hier kompromisslos und effektvoll durchgeführt wird. Es handelt sich um ein Erzählexperiment, fast ausschließlich ohne sprachliches Verweissystem. Eigentlich reisen die BetrachterInnen und nicht eine bestimmte literarische Figur. Mit Hilfe der Zoom-Technik wird der optische Eindruck des Wegbewegens erzeugt, sodass den BetrachterInnen immer mehr das Gefühl der Fortbewegung bzw. sprunghaften Ortsveränderung suggeriert wird.

Die "Reise" beginnt mit einem Detail, einem Stück eines Hahnenkamms, der zu einem Hahn gehört, auf den Kinder blicken, die in einer Bauernstube am Fenster stehen. Je weiter die Einstellung wird, desto mehr erkennt man vom Bauernhof, entdeckt schließlich eine Kinderhand die ein Haus verstellt, wähnt sich in einem Spielzeuggeschäft mit einem spielenden Mädchen, doch ein sitzendes Mädchen hält eine Zeitschrift mit diesem Bild in der Hand und befindet sich auf einem Schiffsdeck mit Swimmingpool. Dieses Schiff ist aber nur ein Werbeaufdruck einer Schiffsgesellschaft auf einem Bus im Großstadtverkehr von New York. Diesen Verkehrsstau betrachtet wiederum ein Cowboy in einer Wüstengegend in Arizona auf seinem TV-Gerät, wobei sich herausstellt, dass sich diese Szene auf einer Postmarke eines Briefes befindet, den ein Postbote am Strand der australischen Salomoninseln einem Stammeshäuptling übergibt. Diese Szene liegt wiederum im Blickfeld eines Sportflugzeugpiloten, der diesen Strand überfliegt und immer höher steigt. Der Betrachtungsstandpunkt gewinnt ebenfalls immer mehr an Höhe, überblickt das Meer und die Wolken, zeigt schon die Erdkrümmung, entfernt sich von der Erdkugel, die schließlich nur mehr als winzige weiße Scheibe umgeben von völliger Schwärze im Weltall zurückbleibt.

Die Reisebewegung kann aber auch in die andere Richtung ablaufen, natürlich jetzt ohne besondere Überraschungsmomente, allerdings mit immer mehr Beachtung für das Detail und die Art der Übergänge zwischen den verschiedenen "Welten" und man befindet sich bald wieder in der Idylle des kleinen Bauernhofes.

Diesem Spiel mit dem Betrachterstandpunkt wird keinerlei vordergründige inhaltliche Aussage unterlegt, doch es führt die BetrachterInnen zu einer gewissen Nachdenklichkeit über die Grenzen unserer Welt, zu einer emotionalen wie intellektuellen Distanzierung von kleinen Alltagsdingen, wenn man die möglichen Dimensionen der uns umgebenden "Welten" in Betracht zieht - eine mögliche Erfahrung, die sich auch bei oben besprochenen Reisen, in denen literarische Identifikationsfiguren auf dem Weg sind, einstellt.

 

Traumreisen innerhalb eines realistischen Erzählrahmens

Ein verbreitetes Genre innerhalb der Kinderliteratur sind Traumreisen, die den Protagonisten aus der realistischen Alltagsumgebung in eine mehr oder weniger phantastische bzw. verfremdete Traumwelt versetzen. Dabei kann der reale Kontext stark in das Traumgeschehen hineinwirken oder auch nur bloße Rahmenfunktion haben. Umgekehrt kann die manifeste Traumsequenz auch in die reale Umwelt des Protagonisten hineinwirken, dabei entweder psychologisch realistisch motiviert sein oder aber auch eine irreale phantastische Dimension eröffnen. Letzteres kann eine reizvolle irritierende Wirkung auf die LeserInnen haben und offen lassen, was nun alles Traumelemente sind und was dem realistischen Kontext zuzuordnen ist (Der Ball).

Schlafträume sind oft deutlich durch die Einschlafsituation in der realistischen Rahmenhandlung markiert (Paulis Traumreise, Hannes und sein Bumpam), können aber auch unvermittelt bzw. für die LeserInnen zunächst unentscheidbar einsetzen und erst durch das erzählerisch gestaltete Erwachen nachträglich als Traum ausgewiesen werden (Der Aufzug).

Tagträume hingegen werden oft fließend, dem Erleben der literarischen Figur entsprechend auch für den Leser nicht immer leicht identifizierbar eingeleitet. Bloße intensive Wünsche, Ängste, Bedürfnisse der Protagonisten können direkt Anlass für eine phantastische Reise sein und Einblick in die Gefühlswelt und die verdrängten Bereiche der kindlichen Person vermitteln, ohne dass deutlich eine nachdenkliche bzw. träumerische Situation gestaltet wird (Wo die wilden Kerle wohnen, Der Ball).

[Abb. aus "Paulis Traumreise"]

Eindeutige Schlaftraumreisen gestalten Erwin Moser in dem Kinderbuch "Paulis Traumreise" (1986) und Mira Lobe in "Hannes und sein Bumpam" (1961). Pauli übernachtet bei seiner Lieblingstante und hat einen Traum, in dem er mit einem verzauberten Hasen zusammentrifft. Diesen begleitet er auf der Suche nach der Zauberspeise, die den Hasen wieder in einen Jungen zurückverwandeln kann. Ein Abenteuermärchen nimmt seinen Lauf, zunächst unter Wasser in einem U-Boot, dann auf dem stürmischen Meer, kurze Rast in der Katzenstadt, weiter mit der Riesenmaus, dann in einem Spinnwebennetz durch die Luft, getragen von Schmetterlingen. Schließlich geht es mit dem Auto durch die Wüste und zuletzt zu Fuß zum Zauberonkel. Als sich der Hase zurückverwandelt, erkennt Pauli im Traum seinen kleineren Bruder. Die Reisebewegung und die gefährlichen Begegnungen sind ganz auf das kindliche Abenteuerbedürfnis zugeschnitten und bleiben dem trivialen Abenteuergenre verpflichtet.

Mira Lobe erzählt innerhalb der Bilderbucherzählung "Hannes und sein Bumpam" eine Traumszene, die ganz deutlich die ungelösten Tagesprobleme verarbeitet. Hannes wird wegen seiner aus Buntpapier "gerissenen" Figur (dem Bumpam) von den Kindern im Kindergarten verspottet und kann am Abend deswegen nicht gleich einschlafen. Ohne Übergang tritt sein Bumpam an sein Bett und lädt ihn auf eine Reise ein. Es geht in die Nacht hinaus, sie besuchen das "papier-gerissne Land" und begegnen dort verschiedenen Tierarten. Zuletzt besteigt er einen Apfelbaum, wobei er allerdings herunterfällt:

Hannes lacht, beugt sich hinunter - / fällt kopfüber und kopfunter / von dem Apfelbaum herunter / immer weiter tief hinunter, / wie man das im Traum so macht - / und ist plötzlich aufgewacht! Helle Sonne kommt ins Zimmer. Ihm ist froh und leicht zumutī. (Lobe, 1961)

Diese Traumreise hat nicht nur die unbewältigten Minderwertigkeitsgefühle des Vortags aufgearbeitet, sondern zeigt auch eine kreativitätsfördernde Dimension: Am nächsten Tag im Kindergarten verarbeitet er die "Reiseerfahrungen" sofort, indem er "genau wie im Traum" viele Tiere aus Papier reißt und damit die Bewunderung und Anerkennung durch die anderen Kinder bekommt.

Auch in "Der kleine Max im Ringsherumland" (1997) von S. Vigl/W. Opgenoorth geht es um die Aufarbeitung negativer Gefühle durch eine Traumreise. Reiseerfahrungen führen dazu, dass Max seine rote Haarfarbe besser annehmen kann. Er gleitet nach dem Einschlafen durch einen Brunnenschacht in das Ringsherumland, in eine Art Hohlwelt. Hier kann Max "sein wie er will" und begegnet einem blauen Schwein, das sich mit dieser Farbgebung nicht als Außenseiter sieht, sondern als "besonderes Schwein" begreift. Mit dieser Erfahrung wacht Max auf und fühlt sich mit seiner roten Haarpracht nun auch als ein besonderer und nicht minderwertiger Junge.

Traumreisen bringen den Träumenden an Orte, die für sie wichtige Schlüsselerfahrungen, existenzielle Begegnungen bereithalten. In den letztgenannten Beispielen wurden die im Traum gewonnenen Reiseerfahrungen auch erzählerisch in die reale Rahmenhandlung umgesetzt, meist zur besseren Bewältigung des kindlichen Alltags.

Im folgenden Bilderbuch von Aline Stickel - "Hampelmannīs Traumreise" (1922, Wiederauflage 1991 !!) - wird aber besonders deutlich, wie träumerische Reiseerfahrungen früher auch zur moralischen Zurüstung von Kindern benutzt wurden (siehe auch oben "Puckerl und Muckerl"). In dieser Geschichte reißt eine Kinderpuppe aus, wird dafür durch mehrere gefährliche, angsteinflößende Erlebnisse und Begegnungen bestraft und wird schließlich vom Storch, der sich als seinerzeitiger Lieferant des "Bübchens", dem der Hampelmann gehört, verantwortlich fühlt, wieder nach Hause gebracht. Die Moral von der Geschichte: Bleibe zu Hause, dort ist es schön und nicht gefährlich, und bereite dem, der sich um dich sorgt, keinen Kummer!

[Abb. aus "Der Aufzug"]

Eine unverhoffte Reise ins traditionelle Märchenland, allerdings mit satirischem Einschlag und unkonventionellem Fahrzeug, unternimmt Rosa, ein kleines Mädchen, dessen Eltern jeden Donnerstagabend in die Volkshochschule gehen, in dem Bilderbuch "Der Aufzug" (1993) von Maar/Heidelbach. Rosa kann nicht einschlafen, hört plötzlich den Aufzug auf ihrem Stockwerk stehen bleiben und entdeckt in der offenen Aufzugskabine, die sich in ein gemütliches Zimmer verwandelt hat, einen kleinen Mann. Dieser Zwerg, ein Aussteiger aus dem Märchen Schneewittchen, lädt sie auf eine Reise ein und Rosa wählt fürs erste den siebten Stock. Während der Fahrt wird sie bewirtet und in der siebten Etage blicken sie in ein Landschaftspanorama, in dem Märchenfiguren bzw. Requisiten aus verschiedenen Märchen, für die die Siebenzahl eine wesentliche Rolle spielt, zu entdecken sind. Auch die Zwerge, allerdings nur sechs, kommen vor und versuchen ihren abtrünnigen Kollegen aus dem Lift ins Märchenland zurückzuholen. Eine Woche später geht es in den dritten Stock, in dem die Dreizahl regiert. Die dritte Reise führt in das vom Zwerg verbotene Untergeschoß, wo sie allerdings ein Ende hat, da Rosas Eltern gerade nach Hause kommen und die "Schlafwandlerin" empört ins Bett schicken.

Die Reise dient hier auch als Brückenmedium in die Phantasiewelt, als Vehikel der archetypischen-kindlichen Angstbewältigung in Situationen des Alleinseins. Auffallend an dieser Reiseidee ist, dass die Protagonistin nicht in die präsentierten Phantasiewelten eintritt. Sie werden ihr nur vorgeführt, sie betrachtet sie passiv wie in einem Guckkasten, sie langweilt sich schon auf der zweiten Reise. Erst das penetrant wiederholte Verbot "Doch wähle gut, drück nicht auf U!" macht sie beim dritten Mal wirklich neugierig und initiativ. Nicht die trickreich arrangierten Märchenwelten sind eine Herausforderung, sondern die Übertretung des Verbots, das seit jeher im Märchen Komplikationen bzw. Verderben über die Akteure hereinbrechen ließ.

[Abb. aus "Wo die wilden Kerle wohnen"]

Die Traumreisen der folgenden Bilderbücher irritieren die LeserInnen durch die erzählerische Gestaltung ihrer psychodynamischen Dimension, die manchmal auch nicht zur Gänze rational auflösbar erscheint.

Maurice Sendaks Klassiker "Wo die wilden Kerle wohnen" (1963) konfrontiert die LeserInnen mit den Abgründen der kindlichen Seele. Die Reise wird zur Metapher, in der übermächtige unbewältigte Gefühle zum Ausdruck kommen. (Vgl. a. Bertermann, 1994)

Der aggressive, hyperaktive Max wird zur Strafe ohne Abendessen in sein Zimmer verbannt. Dort phantasiert er sich tagträumend/schlafend in einen Raum, in dem "die Wände so weit wie die ganze Welt sind". Er segelt auf dem Meer, seinem überschießenden Temperament entsprechend, "Tag und Nacht und wochenlang und fast ein ganzes Jahr bis zu dem Ort, wo die wilden Kerle wohnen." (Sendak, 1967) Die traumhafte Zeitdehnung suggeriert den LeserInnen Weite und Beschwerlichkeit der Reise und auch der Rückweg verbraucht diese "Phantasiezeit". Am Schluss der Geschichte holt der beiläufige Realzeithinweis (ein paar Minuten sind vergangen) die LeserInnen wieder auf die Wirklichkeitsebene zurück, als Max in seinem Zimmer ankommt, "wo es Nacht war und das Essen auf ihn wartete, und es war noch warm." (Sendak, 1967)

Die Personifikation der eigenen aggressiven Persönlichkeitsanteile in der Gestalt der wilden Kerle wird in ein fernes Land verlegt, stellt eine symbolische Distanzierung dar, hilft Max Abstand zu gewinnen, sich mit seinen aggressiven Anteilen zu identifizieren und sie beherrschen zu lernen. Dort angekommen, tobt er sich ungestraft aus, ahmt die Autorität der Mutter nach und wird König der wilden Kerle. Schließlich fühlt er sich aber einsam und sehnt sich nach Geborgenheit. Die Heimkehr von der weiten Reise und das auf ihn wartende warme Essen beschließen diesen Phantasieausflug mit versöhnlichen Anklängen.

[Abb. aus "Der Ball oder Ein Nachmittag mit Berti"]

Auf eine etwas andere Art von Reise geht Bertis Schwester Dagmar in "Der Ball oder Ein Nachmittag mit Berti" (1986) von Nikolaus Heidelbach. Sie muss, von der Mutter eingeteilt, ihren kleinen Bruder am Spielplatz beaufsichtigen, wo er sich aber nicht gerade freundlich gegenüber den anderen Kindern verhält. Seine Schwester verwünscht ihn:

Man müßte ihn auf den Mond schießen, dachte Dagmar. Oder ein riesiger Krake müßte aus dem Sandkasten auftauchen und ihn schnappen, und ich würde ins Kino gehen. (Heidelbach, 1986)

Kaum merklich gleitet die reale Rahmenhandlung in eine phantastische, tagträumerische Ebene hinüber. Berti hat sich in einen Ball verwandelt, der nun, von den verschiedensten Personen angestoßen, durch die halbe Stadt rollt und dabei in nicht ungefährliche Situationen gerät. Dagmar rennt verzweifelt hinterher, durch die stinkende Kanalisation, begegnet widerlichen Leuten, sucht erfolglos in einem Spielzeuggeschäft und im Fundbüro nach diesem Ball und entdeckt ihn schließlich wieder in der Sandspielkiste. Dagmar ist erleichtert und erkennt in dieser phantastisch-träumerischen Odyssee ihre ambivalenten Gefühle ihrem Bruder gegenüber, die sich zwischen Ablehnung und fürsorglicher Verantwortung bewegen. Die LeserInnen bleiben allerdings erzählerisch irritiert zurück, da die Mutter an den Heimkehrenden einen "strengen Geruch" wahrnimmt, und das nicht nur an Berti, der die Windelhosen voll hat, auch Dagmar scheint nach Kanalisation zu riechen.

Zusammenfassung - "Bitte alles aussteigen!"

Die Gestaltung der Reisemotive in Bilderbüchern mit realen Reisebewegungen in einem phantastischen bzw. auch realistischen Kontext, orientiert sich sehr an der kindlichen Erlebniswelt, insbesondere an den Verlassenheitsängsten vieler Kinder. Demnach schließen die meisten Protagonisten während ihrer Reise Freundschaften, erhalten Hilfestellungen und Ratschläge, werden oft liebevoll weitergereicht und betreut und kommen schließlich immer irgendwie "zurück" in eine Geborgenheit vermittelnde Gemeinschaft bzw. Beziehung.

Betrachtet man die verschiedenen Reisemotivationen so werden viele Protagonisten durch äußere Umstände gezwungen in die "weite Welt hinaus zu gehen", Erfahrungen zu sammeln und eine neue Heimat zu finden oder wieder heimzukehren. Sie werden ausgesetzt (Da bin ich), verlieren ihre Heimat durch Zerstörung (Karlinchen), befreien sich aus einer Zwangssituation (Ich, Kater Robinson), werden entführt (Hatschi Bratschis Luftballon), fortgeschickt (Troll), verlieren ihre Bezugsgruppe auf dramatische Weise (Swimmy) oder einfach durch ein Missgeschick (Kleiner Eisbär, Winzig).

Aber auch innere Zwänge vor allem Unsicherheit in der Identitätsfrage und der Selbstannahme lassen die Protagonisten auf eine lange Reise gehen (Ich bin Ich, Pezzettino).

Freiwillige Reisemotivationen sind meist allgemeine Neugier (Nurmi, Schweinchen Bobo), Fernweh bzw. Unzufriedenheit (Oh, wie schön ist Panama, Tschibi) und materielle Motive bzw. Abenteuerlust (Bärenschatz, Komm, wir finden einen Schatz).

In einer kurzen abschließenden Zusammenschau könnten folgende Aspekte herausgestellt werden:

  • Kein kinderliterarischer Text unserer Auswahl zeigt eine Reise, die einen negativen Ausgang hat, alle finden in irgendeiner Weise wieder "nach Hause" oder erreichen eine neue Heimat. Niemand geht verloren, was natürlich ganz kindgemäß dem Wunschdenken der LeserInnen entspricht.
  • Sehr häufig spielt das Meer bzw. Wasser als archetypisches Gefahrenmoment sowie Metapher für eine weite, beschwerliche Reise auch eine handlungsrelevante Rolle.
  • Der Topos "Reise in die weite Welt" dient nach wie vor der Initiation, der Bewährung, als Entwicklungschance.
  • Bewertet man den Aspekt Reisemotivation-Heimkehrsituation "reise-ideologisch", so zeigt sich, dass Neugier den jungen LeserInnen fast immer als positiver Wert präsentiert wird, der letztlich durch Zuneigungsgewinn und sozialen Aufstieg belohnt wird .
  • Freundschaft ist ein besonderer Beziehungswert, der sich gerade auf Reisen bewähren kann.
  • In älteren, aber zur Zeit immer noch auf dem Markt befindlichen Bilderbüchern, wird das Reisemotiv in deutlich belehrender Funktion eingesetzt.
  • Auffallend ist, dass fast nur männliche Protagonisten auf die Reise gehen.
  • Reisen werden wie im Schelmenroman auch in den untersuchten Formen als Vehikel zur Gestaltung von Gesellschaftskritik eingesetzt.

Die entwicklungspsychologisch und gesellschaftpolitisch relevanten Aspekte von Reisegeschichten und die vielfach metaphorisch und symbolhaft repräsentierten Inhalte (wobei z.B. die nähere Betrachtung der einzelnen Reisestationen und vor allem die Untersuchung der Illustrationsgestaltung hier sicherlich viel zu kurz gekommen sind) fordern auch zu einer über das Volksschulalter hinausgehenden Beschäftigung mit Bilderbüchern dieser Art heraus, denn "Aufbruch, Reise und Heimkehr" bleiben in allen Lebensaltern existenzielle Erfahrungen.

Literatur:

Auer, M./Klages S.: Der blaue Junge. Weinheim/Basel: Beltz & Gelberg 1991

Banyai, Istvan: Zoom. Aarau/Frankfurt a. M./Salzburg: Sauerländer 1995

Beer, Hans de: Kleiner Eisbär, komm bald wieder! Zürich/Hamburg: Nord-Süd 1989

Beer, Hans de: Kleiner Eisbär, wohin fährst du? Zürich/Hamburg: Nord-Süd 1987

Betermann, Insa: Eine Traumreise mit Folgen. Maurice Sendak: "Wo die wilden Kerle wohnen". - In: Praxis Deutsch, Heft 135, (1994), S. 31-33

Forster, Hilde: Puckerl und Muckerl, die faulen Zwerglein. Wien: Breitschopf 1973

Fuchshuber, Annegert: Karlinchen. Wien/München: Annette Betz 1995

Ginzkey, Franz Karl: Hatschi Bratschis Luftballon. Wien/Hannover/Basel: Forum 1960

Hasler, Eveline: Das Schweinchen Bobo. Innsbruck/Wien: Obelisk 1986

Heidelbach, Nikolaus: Der Ball oder Ein Nachmittag mit Berti. Weinheim/Basel: Beltz & Gelberg 1986

Janosch: Oh, wie schön ist Panama! Weinheim/Basel: Beltz & Gelberg 1978

Janosch: Komm, wir finden einen Schatz. Weinheim/Basel: Beltz & Gelberg 1979

Lionni, Leo: Swimmy. Köln: Middelhauve 1964

Lionni, Leo: Pezzettino. Köln: Middelhauve 1975

Lobe, Mira: Das kleine Ich bin ich. Wien/München: Jungbrunnen 1972

Lobe, Mira: Hannes und sein Bumpam. Wien/München: Jugend und Volk 1961

Lobe, M./Leiter, H.: Der kleine Troll und der große Zottel. Wien/Freiburg/Basel: Herder 1981

Maar, P./Heidelbach, N.: Der Aufzug. Weinheim/Basel: Beltz & Gelberg 1993

Moser, Erwin: Paulis Traumreise. Hamburg: Oetinger 1986

Moser, Erwin: Manuel, der Mäuserich. Der Bärenschatz. Weinheim/Basel: Beltz & Gelberg 1986

Moser, Erwin: Winzig. Das große Buch vom kleinen Elefanten. Weinheim/Basel: Beltz & Gelberg 1993

Pech, K.-U.: Abenteuer auf dem Plüschsofa. Janoschs "Oh, wie schön ist Panama". - In: Hurrelmann, B. (Hg.): Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur. Frankfurt/Main: Fischer 1995, S.: 563-578

Rowohlt, H./ Schössow, P. : Ich, Kater Robinson. Hamburg: Carlsen 1997

Scheidl, Gerda Marie: Tschibi und das große Meer. Hamburg: Nord-Süd 1979

Sendak, Maurice: Wo die wilden Kerle wohnen. Zürich: Diogenes 1967

Slupetzky, Stefan: Nurmi, der Bär. Wien: Picus 1995

Stickel, Aline: Hampelmannīs Reise. Wien: ÖBV 1991 (Vlg. Schreiber 1922)

Vigl, S./Opgenoorth, W.: Der kleine Max im Ringsherumland. Wien: Dachs 1997

Waechter, Karl Friedrich: Da bin ich. Zürich: Diogenes 1997

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